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die Tjalk – eine kleine Fachsimpelei

Groninger Boltjalk

Die Vrouw Trijntje ist eine um 1910 in Groningen (Niederlande) gebaute Tjalk mit der Typbezeichnung „Groninger Boltjalk“. Bol kennzeichnet damit die Zugehörigkeit zu der Schiffsgruppe der Bollen (spezielle Bauform des Süllrandes, Gangbord), Groningen (Veendam) den Werftenstandort. Seit gut hundert Jahren wird der Begriff „Tjalk“ undifferenziert als Oberbegriff für eine Art von Frachtschiffen verwendet (vielleicht so allgemein wie „Einhandjolle“). Es gibt heute kaum noch reine Tjalken, selbst in den Niederlanden sind sie kaum anzutreffen. Auf den ersten Eindruck ähnlich aussehende Bautypen in der Größe von 25m und größer waren Weiterentwicklungen der Kuffen und wurden als reine Seeschiffe, auch Seetjalken genannt, gebaut (Stringer, hoher Freibord, breitere Gangbords, spitzere Bugform). Die Fahrzeuggruppe um 15m, die in Stahl gebauten, waren meist zwischen 17m – 18m, wird zwar als Tjalk bezeichnet, es sind zutreffender aber Skutjes, zu deutsch Schutten. Optisch zwar sehr ähnlich unterscheiden sich die Groninger Tjalk und die Skutjes in der Bauausführung und im Unterwasserschiff gravierend: Skutjes sind erheblich leichter, im Unterwasserschiff rundlicher und im Längen-/Breitenverhältnis viel länger, hierdurch bedingt fährt eine Skutje eine andere Takelage. Die klassische Tjalk, gemeint ist damit die mit der damals höchsten gebauten Stückzahl (Verbreitung) ist 20-22m lang, wurde in den Küstengewässern eingesetzt und war auch für die Kanal- und Flussfahrt geeignet.

Historie

Das Schiff war als „fahrendes Monument“ (RegisterNo: 181) in der niederländischen Denkmalliste registriert. Als Besonderheit wurde unter anderem Achterkajüte und die Vorpiek benannt. Durch die Nutzung als reines Wohnschiff lief die Registrierung als Monument aus (fünfjähriger Prüfzyklus) – andererseits hatte diese Art der Nutzung den Vorteil, dass keine die Gesamtoptik schädigenden Umbauten vorgenommen wurden. Derzeit wird das Schiff wieder zum Segler aufgebaut und rekonstruiert.
Das Schiff vermittelt den Gesamteindruck einer um die im Jahre 1900 gebauten Tjalks – mit Besonderheiten:

Einmaster: Fast alle Tjalken haben je nach Einsatzgebiet die ein oder andere ursprünglich vorhandene und tjalk-typische Vorrichtung in der Takelage entfernt, je nach dem, ob überwiegend an der See oder auf Binnengewässern gefahren wurde. Zum Beispiel gehört der heute überwiegend anzutreffende Klüverbaum mit seinem großen Stammdurchmesser und vierkantigen Fuss eigentlich zu den Aaken.

Middendorf in "Bemastung und Takelung der Schiffe (1903)

Middendorf in „Bemastung und Takelung der Schiffe (1903)

Mast/Beschläge: Tjalken sind von der Segeltragfähigkeit her ausgesprochen schlechte Segler. Erkennbar an der Silhoutte einer besegelten Tjalk bilden die Segel eigentlich ein rechtwinkliges Dreieck, wobei die a+b-Seiten gleichschenklig sind. Zur Verbesserung der Segeleigenschaften haben fast alle Schiffe zwischenzeitlich einen um drei bis vier Meter höhen Mast erhalten, die Baumlänge wurde gekürzt. Die in der heutigen Zeit anzutreffenden Riggs entsprechen mehr dem einer Slup. Die Beseglung der Vrouw Trijntje ist typisch und entspricht dem Modellfall von Middendorf in dem Kapitel zum Stabilitätsverhalten von Tjalken in „Bemastung und Takelung der Segelschiffe“, Seite 208 ff. Während Länge, Bauart und Gewicht annähernd mit dem Berechnungsfall übereinstimmen, unterscheidet sich das Rigg der Vrouw Trijntje gravierend zugunsten der Stabilität. Es wird kein Besan, Gaffeltop und Jager gefahren. Einer Vorlieklänge des Großsegels von 7,5 steht eine Unterlieklänge von 11m gegenüber. Die Mastlänge von Vrouw Trijntje beträgt insgesamt nur 11,5 m (Middeldorf legt z.B. den Segelschwerpunkt des Gaffeltop auf 15.25m).

Roeftjalk: die meisten Tjalken wurden für eine ökonomische Nutzung entweder als Wohnschiff oder für das Chartergeschäft umgebaut. Äußerlich sind diese Umbauten erkennbar an dem hoch angesetzten, aufgesetzten Frachtraum, dem hohen Anteil an Decksflächenfenster und einem überdimensionierten Steuerhaus. Diese Umbauten blieben der Vrouw Trijntje erspart. Eine Tjalk hat von den Abmessungen eine gewisse Ähnlichkeit mit einem schwimmenden Container; dass sie trotzdem wohlgefomt und gefällig aussieht liegt an einer besonderen Linienführung im Deckssprung. Die Niederländer haben hierzu in ihrer Sprache spezielle Wörter und achten auf dieses Charateristikum. Ein zu hoher Aufbau und/oder falsche Proportionen von Steuerhaus und Laderaum zerstören das Erscheinungsbild eines Frachtschiffes.

Pinnensteuerung: ein weiteres typisches Erscheinungsbild ist die Pinnensteuerung.

Vorpiek: diese ist weitgehend im Originalzustand.

Frachtraum: umgebaut als Wohnraum – da es sich aber um eine freie Fläche handelt, lässt sich gut die Originalgröße des ehemaligen Frachtraums erkennen.

historisches Foto eines Steuerhauses mit Ofen und Mobiliar

historisches Foto eines Steuerhauses mit Ofen und Mobiliar

historische Aufnahme im Steuerhaus

historische Aufnahme im Steuerhaus

Foto vom Steuerhaus der Tjalk Vrouw Trijntje

Foto vom Steuerhaus der Tjalk Vrouw Trijntje

Steuerhaus: Es diente ursprünglich als Wohnzimmer/Koch-/Eßbereich für die Familie des Kapitäns bzw. Eigners. Durch die nachträgliche Motorisierung und dem Einbau der Tanks musste der Fussboden angehoben werden, insoweit stimmen die Höhenmaße nicht mit dem Original überein. Damit der Zugang zum Maschinenbereich offen bleibt, können auch keine – ursprünglich vorhandenen Schränke eingebaut werden. Die Größe und die Proportionen des Steuerhauses sind aber erkennbar und „erlebbar“.

Achterkajüte der Vrouw Trijntje

Achterkajüte der Vrouw Trijntje

Achterkajüte (Zeichnung)

Handzeichnung Achterkajüte mit Ausstieg

Achterkajüte

Foto der Achterkajüte der Praam Familientrouw

Achterkajüte: die Achterkajüte der Tjalk Vrouw Trijntje ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Die Aufnahmen und Abbildungen wurden vor Jahren gesammelt und leider sind weder der Ursprung noch die Urheber nachvollziehbar.

 

 

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Demonstration des maritimen Erbes

Tjalken sind im Ostseeraum eigentlich schon eine Rarität, obgleich die Fahrverhältnisse denen Frieslands (vs. Elde-Müritz-Oder) und dem Wattenmeer (vs. Boddengewässer, Haff) ähneln. Es gibt keine – im Sinne eines Frachtschiffes – im ursprünglichen Zustand erhaltene Tjalk im Ostsee- und deutschen Nordseeraum. Der einer Tjalk vergleichbaren Schiffe, wie die Skutje oder die Seetjalken, wie sie z.B. in Finkenwerder und Carolinensiel anzutreffen sind, sind durchweg umgebaute Fahrzeuge, deren äußeres Erscheinungsbild weitgehend zerstört wurde. Selbst wirklich schöne und restaurierte (See-)Tjalken der 25m Klasse eignen sich nach dem Umbau zum Charterschiff durchweg nicht mehr als Anschauungsmaterial für historische Bauweisen. Dem Laien erschließt sich das Phänomen (Verwandlungskunst, Einsatzgebiete, Handling) einer 20m-Tjalk durch die Fähigkeit dieser Schiffe, z. B. den Küstenkanal oder die Elde-Müritz-Wasserstrasse (Schweriner See, Müritz) befahren zu können und gleichzeitig weisen diese Schiffe eine Stabilität auf, die sie auf der Zuiderzee, dem Wattenmeer bis hin nach England, Dänemark und Schweden haben fahren lassen können. Der kulturhistorische Aspekt des Baues von Binnenwasserstraßen mit seinem Einfluss auf Natur, Landwirtschaft und der Bevölkerung geht einher mit dem Bau entsprechend diesem Einsatzgebiet und -zweck konzipierter Schiffe. Das Wachstum einer Großstadt wie Hamburg erforderte eine Versorgung der Bewohner durch das ländliche Umland; in historischen Zeiten ohne Transportmittel wie dem Ewer – der einer Tjalk vergleichbare deutsche Bautyp – war dies schwerlich möglich.

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